FINIS GERMANIAE

Oder: „Wehe den Besiegten


Zum ersten und zweiten Teil


Wie schon erwähnt, hatte Dwight D. Eisenhower, der Oberkommandierende der Alliierten Expeditionary Force (SHAEF) im Juni 1944 ein „Handbuch für die Militärregierung im zu besiegenden Deutschland“ abgesegnet und nach Washington durchgewunken. Das Handbuch sah eine weitgehend autonome Regierung für das besiegte Deutschland vor und beinhaltete konkrete Pläne für den Wiederaufbau und eine autonome Versorgung Deutschlands. Vorgesehen war auch, den vom Krieg hart getroffenen europäischen Ländern, die deutschen Exportüberschüsse aus der wieder aufzubauenden Wirtschaft zugute kommen zu lassen.

US-Finanzminister Henry Morgenthau tobte, als er diesen Plan zu Gesicht bekam. Gegenüber Roosevelt bestand er auf einem harten Frieden für Deutschland.

Henry Morgenthau jr. 1934 bis 1945 US-Finanzminister
Bild Wikipedia

Im Rahmen einer  Kabinettssitzung am 25. August 1944, teilte Roosevelt die kritische Haltung Morgenthaus und der US-Finanzminister äußerte in einem Schreiben gegenüber Kriegsminister Stimson: „Es sei die gesamte deutsche Nation gewesen, die gegen die Prinzipien der Zivilisation verstoßen habe, darum fordere er einen harten Frieden.“ Dazu Präsident Roosevelt: „Zu viele Menschen hier und in England vertreten die Ansicht, dass das deutsche Volk als Ganzes nicht für das Geschehene verantwortlich ist – dass nur einige wenige Nazis verantwortlich sind. Das ist leider falsch. Das deutsche Volk muss sich vor Augen führen lassen, dass die ganze Nation in eine grundsätzliche Verschwörung gegen die Moralvorstellungen der modernen Zivilisation verstrickt ist“.

Das ursprüngliche Memorandum wurde irgendwann zwischen Januar und Anfang September 1944 verfasst und von Morgenthau unterzeichnet. Es trägt die Überschrift „Suggested Post-Surrender Program for Germany“ und wird in der Franklin D. Roosevelt Presidential Library and Museum aufbewahrt. Laut Aussagen von Henry Morgenthaus Sohn, war der leitende Beamte des US-Finanzministeriums, Harry Dexter White, maßgeblich an der Ausarbeitung des Memorandums beteiligt.

Harry Dexter White war ein hoher Beamter des US-Finanzministeriums. In enger Zusammenarbeit mit dem Finanzminister Henry Morgenthau jr., half er bei der Festlegung der amerikanischen Finanzpolitik gegenüber den Alliierten im Zweiten Weltkrieg. White war maßgeblich an der Ausarbeitung des Morgenthau Planes beteiligt.Später wurde er als Spion für die Sowjetunion überführt.
Bild: Wikipedia

Der Morgenthau Plan

Entmilitarisierung Deutschlands:

Es soll das Ziel der Alliierten Streitkräfte sein, die vollständige Entmilitarisierung Deutschlands in der kürzest möglichen Zeit nach der Kapitulation zu erreichen. Dies bedeutet die vollständige Entwaffnung der deutschen Armee und des deutschen Volkes (einschließlich der Entfernung oder Vernichtung des gesamten Kriegsmaterials), die vollständige Vernichtung der gesamten deutschen Rüstungsindustrie und die Entfernung oder Vernichtung anderer Schlüsselindustrien, die für die militärische Stärke grundlegend sind.

Teilung Deutschlands:

Polen soll den Teil Ostpreußens erhalten, der nicht an die UdSSR und an den südlichen Teil Schlesiens geht.

Frankreich soll die Saar und die angrenzenden Gebiete bis an Rhein und Mosel bekommen.

Wie in Teil 2 angegeben, soll eine internationale Zone geschaffen werden, die das Ruhrgebiet und die umliegenden Industriegebiete umfasst.

Der verbleibende Teil Deutschlands soll in zwei autonome, unabhängige Staaten aufgeteilt werden, (1) ein süddeutsches Land, das Bayern, Württemberg, Baden und einige kleinere Gebiete umfasst, und (2) ein norddeutsches Land, das einen großen Teil des alten Staates Preußen, Sachsen, Thüringen und mehrere kleinere Staaten umfasst.

Zwischen dem neuen süddeutschen Staat und Österreich, das wieder an seine politischen Grenzen von vor 1938 anknüpft, soll es einen Zollbund geben.

Das Ruhrgebiet: (Das Ruhrgebiet, umliegende Industriegebiete, wie auf der beigefügten Karte dargestellt, einschließlich des Rheinlandes, des Nord-Ostsee-Kanals und des gesamten deutschen Territoriums nördlich des Nord-Ostsee-Kanals). Hier liegt das Herz der deutschen Industriemacht, der Hexenkessel der Kriege. Dieses Gebiet sollt nicht nur von allen gegenwärtig bestehenden Industrien entkernt, sondern so geschwächt und kontrolliert werden, dass es in absehbarer Zeit nicht zu einem Industriegebiet werden kann. Die folgenden Schritte werden dies erreichen:

Innerhalb eines kurzen Zeitraums, möglichst nicht länger als 6 Monate nach Einstellung der Feindseligkeiten, sollen alle, nicht durch militärische Maßnahmen zerstörten, Industrieanlagen und Ausrüstungen entweder vollständig abgebaut und aus dem Gebiet entfernt oder vollständig zerstört werden. Alle Ausrüstungen sind aus den Bergwerken zu entfernen, und die Bergwerke sind gründlich zu zerschlagen.

Es wird davon ausgegangen, dass die Räumung dieses Gebietes in drei Stufen erfolgen soll:

  1. Die Streitkräfte zerstören unmittelbar nach Eindringen in das Gebiet alle Anlagen und Ausrüstungen, die nicht entfernt werden können.Entfernung der Anlagen und Ausrüstungen durch Mitglieder der Vereinten Nationen als Restitution und Reparation (Paragraph 4).

    Alle Anlagen und Ausrüstungen, die nicht innerhalb eines bestimmten Zeitraums, z.B. 6 Monate, entfernt werden, werden vollständig zerstört oder zu Schrott reduziert und den Vereinten Nationen zugewiesen.
  2. Allen Menschen in dem Gebiet soll zu verstehen gegeben werden, dass dieses Gebiet nie wieder zu einem Industriegebiet werden darf. Dementsprechend sollen alle Menschen und ihre Familien innerhalb des Gebiets, die über besondere Fähigkeiten oder eine technische Ausbildung verfügen, ermutigt werden, dauerhaft aus dem Gebiet abzuwandern, und sie sollten so weit wie möglich verstreut sein.
  3. Das Gebiet soll zu einer internationalen Zone gemacht werden, die von einer internationalen Sicherheitsorganisation regiert wird, die von den Vereinten Nationen eingerichtet wird. Bei der Verwaltung des Gebiets soll sich die internationale Organisation von einer Politik leiten lassen, die auf die Förderung der oben genannten Ziele ausgerichtet ist.

Rückerstattung und Wiedergutmachung:

Wiedergutmachung in Form von wiederkehrenden Zahlungen und Lieferungen soll nicht verlangt werden. Rückerstattung und Wiedergutmachung sollen durch die Übertragung bestehender deutscher Ressourcen und Gebiete erfolgen, z.B.

  • durch die Rückgabe von Eigentum, das von den Deutschen in den von ihnen besetzten Gebieten geraubt wurde;
  • durch Übertragung von deutschem Gebiet und deutschen privaten Rechten an in diesem Gebiet befindlichem gewerblichem Eigentum an eingefallene Länder und die internationale Organisation im Rahmen des Teilungsprogramms;
  • durch den Abtransport und die Verteilung von Industrieanlagen und Ausrüstungen, die sich innerhalb der Internationalen Zone und der im Abschnitt über die Teilung abgegrenzten nord- und süddeutschen Staaten befinden, an die verwüsteten Länder;
  • durch deutsche Zwangsarbeit außerhalb Deutschlands; und durch Beschlagnahme aller deutschen Vermögenswerte, gleich welcher Art, außerhalb Deutschlands.

Nachdem US- Außenminister Hull über Morgenthaus Pläne informiert worden war, verfasste er ein neues Memorandum. Darin heißt es: „Eine Deindustrialisierung Deutschlands ist wohl kaum durchführbar, weil dabei sehr viele Deutsche deportiert werden müssten und wahrscheinlich viele Menschen ums Leben kommen würden. Reparationsleistungen seien unter diesen Umständen wohl kaum zu erwarten.

Cordell Hull, US-Aussenminister 1933 bis 1944
1945 Friedensnobelpreis Bild Wikipedia

Eine Teilung Deutschlands lehnte Hull ab: „Seit ihrem Bestehen haben die Vereinigten Staaten die Grundüberzeugung vertreten, dass alle Menschen das Recht haben, frei zu leben und nach ihrem eigenen Glück zu streben und gemäß der Atlantic Charta seien sowohl Sieger als auch Besiegte gleichermaßen zu wirtschaftlichem Wohlstand berechtigt. Allerdings werde die von Morgenthau vorgeschlagene Behandlung Deutschlands, falls überhaupt durchführbar, ganz bewußt viele Millionen Menschen des Rechtes auf Freiheit von Not und Freiheit und von Furcht beraubt. Dadurch werden andere Völker der Welt in ihrem Vertrauen zu unseren Grundsätzen erschüttert werden und an der Wirksamkeit unserer wirtschaftlichen und politischen Maßnahmen gegenüber den Besiegten“. Gemeinsam mit dem Britischen Außenminister Anthony Eden protestierte Hull gegen die Pläne Henry Morgenthaus und nannte sie ausdrücklich „ein Verbrechen gegen die Zivilisation“.

Auch US Kriegsminister Henry L. Stimpson lehnte „kollektive Rache“ als „sinnlos und gefährlich“ ab und so schrieb er in einem Memorandum an Präsident Roosevelt am 25. August 1944: „Ich kann mich auch damit nicht einverstanden erklären, dass es eines unserer Kriegsziele sein sollte, die Deutschen auf dem Niveau des Existenzminimums zu halten. Das deutsche Volk würde zur Sklaverei verurteilt werden und es könnte seine Position in der Weltwirtschaft selbst durch äußersten Fleiß kaum halten. Die Folgen wären neue Spannungen und Ressentiments, die den momentanen Vorteil der Sicherheit weit überwögen und außerdem würde die Schuld der Nazis in den Hintergrund rücken.

Harry S. Truman 1945 bis 1953 der 33 Präsident der USA
Bild Wikipedia

„Zwei Tage nach der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands, am 10. Mai 1945, unterzeichnete der neue US Präsident Harry S. Truman das U.S. Besatzungsstatut JCS 1067. Dazu stellte Henry Morgenthau gegenüber seinem Stab fest, dass dies ein großer Tag für ihn sei. „Hoffentlich wird niemand in diesem Dokument meine Handschrift wiederfinden“, so Morgenthau. In der Tat, dieser 10. Mai 1945 war für den Großteil der Deutschen alles andere als eine Befreiung.

„Es darf kein einziger Schritt zur wirtschaftlichen Erholung Deutschlands gesetzt werden“, das legen die Besatzungsstatuten unter dem Kürzel JCS 1067 in aller Schärfe fest. Des Weiteren besagen die JCS 1067, Hunger, Krankheit und zivilen Unruhen in der deutschen Bevölkerung sei nur dann zu begegnen, wenn diese eine Gefahr für die Besatzungstruppen darstellen würden.

Morgenthau ließ eine direkte Weisung an die Militärregierung für Deutschland ergehen, dass die Besatzungsstatuten JCS 1067 mit aller Schärfe anzuwenden seien.

Obwohl der Morgenthau-Plan nicht in seiner Gänze zur Durchführung gelangte, so hinterliess der US Finanzminister doch einen deutlichen Fußabdruck im Genick der Deutschen. Überwacht wurden die Statuten JCS 1067 von Beamten des US-Finanzministeriums, den sogenannten „Morgenthau-Boys“. Am 2. Februar 1946 meldete Brigadegeneral William Henry Draper jr., Leiter der amerikanischen Wirtschaftsabteilung, dass bei der Umwandlung Deutschlands in eine Agrar- und Leichtindustriewirtschaft einige Fortschritte erzielt worden seien.

Zuteilungsverfahren für die „überschüssige“ deutsche Schwerindustrie.

Eigentlich war Draper ein entschiedener Gegner des Morgenthau-Plans. Er unterstützte auch nachdrücklich Maßnahmen zur Beschleunigung des wirtschaftlichen Aufschwungs in Deutschland, gemäß den Vorgaben für eine liberale und freie Marktwirtschaft, so wie sie später Konrad Adenauer und Ludwig Erhard durchsetzten.

William Henry Draper jr., Brigadegeneral von 1945 bis 1947, Leiter der Wirtschaftsabteilung des Alliierten Kontrollrats für Deutschland
(Bild: Wikipedia)

Auch, nachdem Präsident Roosevelt 1945 verstorben war und Henry Morgenthau vom Amt des Finanzministers zurückgetreten war, blieben die Morgenthau Boys noch fast zwei Jahre aktiv.

Besonders rührig, sozusagen als Exekutive Henry Morgenthaus, erwies sich Oberst Bernhard Bernstein, der unter anderem 1942 bis 1945 als Finanzberater von General Eisenhower für zivile Angelegenheiten und für die Militärregierung (European Theater of Operations and MTO), fungierte. Bernstein konnte es zwar als Verdienst für sich verbuchen, die Verstrickungen des Chemieriesen I.G. Farben in die Tötungsmaschinerie der Nazis aufgedeckt zu haben, er brach allerdings ein Tabu, indem er aufdeckte, wie US-Konzerne mit I.G. Farben gemeinsame Sache gemacht hatten, indem sie während des Krieges Militär- und Wirtschaftsspionage gegen die Interessen der Vereinigten Staaten betrieben hatten. Vor einem US Senatsausschuss benannte Bernstein die Standard Oil Company of New Jersey, die Aluminum Company of America, die E.I. du Pont de Nemours und die Ethyl Export Corp. als „Kollaborateure der Nazis“. Anlässlich eines Treffens der American Jewish Claim Conference am 20. Februar 1946 in Cleveland, Ohio, führte Bernstein die US Regierung vor, indem er konstatierte: „Nur die Russen haben gezeigt, dass sie Faschismus und Nazismus ausrotten wollen diesbezüglich haben sie bereits entscheidende Schritte in diese Richtung unternommen“. In einer Ansprache, anlässlich der Gründung des linksextremen Kongresses der Amerikanischen Frauen am 8. März 1946 in New York City, zu Ehren des Internationalen Frauentages – ein Tag übrigens, der von Kommunisten in aller Welt als internationaler Feiertag gefeiert wird – lobte Oberst Bernard Bernstein die Sowjetunion: „Sie habe das Potsdamer Abkommen über Deutschland bereits umgesetzt, während die Vereinigten Staaten immer noch unschlüssig sind“. In den fünfziger Jahren wurde gegen Bernstein ermittelt und öffentlich der Vorwurf erhoben, er sympathisiere mit dem Kommunismus. Bernsteins Kritik an der US Besatzungspolitik gegenüber Deutschland war ein gefundenes Fressen für die kommunistische Zeitschrift in den USA, Daily Worker, gewesen und das rückte den Finanzberater Eisenhowers in das Blickfeld der Ermittler.

Als im Juli 1947 die Statuten JCS 1067 durch die neuen Statuten JCS 1779 ersetzt wurden, war auch Oberst Bernhard Bernstein fällig und wurde seines Postens enthoben. Eine neue Parole in der US-Besatzungspolitik war ausgegeben worden, die da lautete: „Ein geordnetes fortschrittliches Europa bedürfe für die Zukunft gewisser stabiler ökonomischer Zugeständnisse.“

Der  Morgenthau-Plan war seit dem Mai 1945, in leicht abgespeckter Form, Richtschnur des Alliierten Handelns gewesen, obwohl er offiziell eigentlich nie angenommen worden war. Dennoch, die Alliierten verständigten sich auf eine radikale „industrielle Abrüstung“ Deutschlands. Allerdings behielten sie sich die Optionen vor, alle Maßnahmen im besetzten Deutschland von Fall zu Fall auf kurzfristig zu treffende Entscheidungen zu beschränken, um auf diese Weise eine groß angelegte organisierte Zerstörung von Bergwerken und Industrieanlagen zu verhindern. Damit verfügten die Besatzungsmacht und die Gegner Henry Morgenthaus im Kriegsministerium über genügend Spielraum, um die Hardcore-Strategien Morgenthaus und seiner „Boys“ zu unterlaufen.

Rückblickend erinnerte sich der US-Hochkommissar in Deutschland, General Lucius D. Clay, in seinem 1950 erschienenen Buch „Decision in Germany“: „Es schien uns schon damals offensichtlich, dass Deutschland verhungern würde, wenn es nicht für den Export produzieren könne und dass sofortige Schritte unternommen werden müssten, um die industrielle Produktion wieder zu beleben“. Auch Lewis Douglas, seines Zeichens Chefberater von General Lucius Clay, verurteilte die JCS-Statuten 1067 schärfstens: „Diese Sache wurde von Wirtschaftsidioten zusammen-gebaut. Es macht keinen Sinn, den qualifiziertesten Arbeitern in Europa zu verbieten, so viel wie möglich auf einem Kontinent zu produzieren, auf dem es an allem mangelt“.

Lewis Williams Douglas, Chefberater von General Lucius D. Clay
Bild: Wikipedia

Angesichts der zunehmenden Besorgnis von General Lucius D. Clay und des Joint Chiefs of Staff über den kommunistischen Einfluss in Deutschland sowie angesichts der Tatsache, dass sich die übrige europäische Wirtschaft ohne die deutsche Industrie, von der sie letztlich mit abhängig war, nicht erholen konnte, war es Staatssekretär George Marshall im Sommer 1947 gelungen, unter Berufung auf „Gründe der nationalen Sicherheit“, Präsident Harry S. Truman davon zu überzeugen, sobald als möglich, die Statuten JCS 1067 zu kassieren und durch die JCS 1779 Anweisungen zu ersetzen.

Gut zwei Monate hatte es gebraucht, bis es General Clay gelungen war, den Widerstand gegen die neuen Besatzungsstatuten JCS 1779 in Washington zu brechen. Der Durchbruch kam am 10. Juli 1947. Auf einer Sitzung des State-War-Navy Coordinating Committee (SWNCC) wurde die neue JCS 1779 nach einigem Hin und Her genehmigt. Die problematischen Passagen des Morgenthau-Plans wurden dabei endgültig gestrichen und eine neue Ära im Umgang mit Deutschland konnte beginnen.

As die JCS 1779 Anweisungen ratifiziert worden waren, bedeutete dies das Aus für die „Morgenthau Boys“. Bevor sie jedoch gingen, blockierten, bzw. unterbrachen sie im Office of Military Government for Germany (OMGUS), genauer gesagt, in der Allied Bank Commission, den Kreditfluss zwischen den deutschen Geldinstituten und zwangen die Banken auf diese Weise zu einem improvisatorischen System kurzfristiger Finanzierungen. Das behinderte freilich die angestrebte Sanierung der deutschen Industrie, solange, bis auch hier die Handschrift Morgenthaus getilgt war.

Mit dem Wechsel der Besatzungspolitik, vor allem auch dank der Währungsreform von 1948, erholte sich Deutschland schließlich auf eindrucksvolle Weise und schaffte das, was man unterm Strich, bewundernd als „das Wirtschaftswunder“ bezeichnet.

Am 29. März 1946, als der erste „Industrieplan“ von den Alliierten unterzeichnet worden war, sah die Welt noch ganz anders aus. Denn dieser Industrieplan hatte festgelegt, dass die deutsche Schwerindustrie durch die Zerstörung von 1.500 börsennotierten Produktionsstätten auf 50% des Niveaus von 1938 gesenkt werden sollte.

Der Alliierte Kontrollrat hatte im Januar 1946 die Grundlage für die künftige deutsche Wirtschaft festgelegt, indem er eine Obergrenze für die deutsche Stahlproduktionskapazität von etwa 5.800.000 Tonnen Stahl pro Jahr festgelegt hatte. Das entsprach etwa 25% der deutschen Vorkriegsproduktion. Diese drastische Reduzierung der Kapazitäten führte zur Demontage jener Stahlwerke, die nun in den Augen der Alliierten überflüssig geworden waren. Der deutsche Lebensstandard wurde auf ein Maß heruntergefahren, der etwa dem der Weltwirtschaftskrise von 1932 entsprach. Die KFZ-Produktion wurde auf maximal 10% des Vorkriegsniveaus festgelegt.

Bergarbeiter im Ruhrrevier
Bild: Wikimedia

Brigadegeneral William Henry Draper jr., Leiter der amerikanischen Wirtschaftsabteilung teilte in einem Fernschreiben aus Berlin lapidar mit: „Bei der Umwandlung Deutschlands in eine Agrar- und Leichtindustriewirtschaft sei einiges geschehen.“ Darüberhinaus prognostizierte Draper, dass angesichts dieser industriellen und wirtschaftlichen Kapazitäten für eine Bevölkerung von 66,5 Millionen Menschen, große Importe von Nahrungsmitteln und Rohstoffen für Deutschland erforderlich seien, um einen Mindestlebensstandard aufrechtzuerhalten. An Stelle der früheren Stahlexporte sollten nun Kohle, Koks, und jene Dinge hergestellt werden, die von den Alliierten als sogenannte leichtindustrielle Produkte bezeichnet wurden: Nur noch Elektrogeräte, Lederwaren, Bier, Weine, Spirituosen, Spielzeug, Musikinstrumente, Textilien und Bekleidung sollten produziert und exportiert werden. In der amerikanischen Besatzungszone wurde im großen Umfang radikaler Raubbau an den Wäldern geübt. In dem Zusammenhang räumte die US-Administration in ihrer Zone ein, dass der Zweck ihrer Abholzungsmaßnahmen darin bestünde, das „Kriegspotential der deutschen Wälder endgültig zu zerstören“.

Es kam, wie vorhergesagt: Die USA und Großbritannien waren zunehmend gezwungen, Nahrungsmittel in ihre Besatzungszonen zu importieren, um eine Hungerkatastrophe in Deutschland zu verhindern. Einem seiner Berichte aus Deutschland zu Folge, stellte der ehemalige US-Präsident Herbert Hoover fest: „Es besteht die Illusion, dass das neue Deutschland auf einen Hirtenstaat zu reduzieren sei. Das ist kaum möglich, wenn wir nicht 25 Millionen Menschen vernichten oder aus dem Land vertreiben wollen.

Herbert Clark Hoover, 1929 bis 1933: 31. Präsident der USA
In einem im März 1947 veröffentlichten Bericht über das besetzte Deutschland plädierte Hoover dafür, die restriktive Besatzungspolitik gegenüber Deutschland zu beenden.

Die Sorge um die schleppende Erholung der europäischen Wirtschaft, deren Motor vor dem Krieg die deutsche Wirtschaft war, und der wachsende kommunistische Einfluss bei einer deutschen Bevölkerung, die von Hunger und wirtschaftlicher Not betroffen war, veranlasste die Joint Chiefs of Staff sowie die Generäle Clay und Marshall, bei der Truman-Administration Lobbyarbeit für einen Politikwechsel zu betreiben. So hatte General Clay mehrere Studien über notwendige Veränderungen in der deutschen Wirtschaft in Auftrag gegeben und erklärt: „Es gibt keine Wahl zwischen einem Kommunisten mit 1.500 Kalorien pro Tag und einem Demokratiegläubigen mit tausend Kalorien.“

Hungerwinter 1946/47
Bild: Bundesarchiv/Stachelscheid Carl-August

Zu den Problemen in der Stahlindustrie und ihren Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft insgesamt, hatte sich das Verbot der Einfuhr von hochwertigem schwedischen Eisenerz gesellt. Bis zu dessen Aufhebung im Jahr 1948 waren die deutschen Stahlwerke auf einheimische Erze minderer Qualität angewiesen. Für deren Verarbeitung wurden aber fast die doppelte Menge an Kohle benötigt. Zusätzlich trugen Versuche zur „Entflechtung“ der deutschen Stahlindustrie zum Rückggang der Produktion bei.

Der alliierte Kontrollrat hatte den Preis für deutsche Kohle auf die Hälfte der Produktionskosten festgesetzt. Von Mai 1945 bis September 1947 exportierten die USA, Großbritannien und Frankreich deutsche Kohle für 10,50 $ pro Tonne, während der Weltpreis bei etwa 25 bis 30 $ pro Tonne lag. In dieser Zeit schöpften die Alliierten aus der deutschen Wirtschaft etwa 200 Millionen Dollar ab. Zwar war der Exportpreis im September 1947 angehoben worden, blieb aber immer noch 5 bis 7 Dollar unter Welthandelsniveau.

Die Lebensmittelknappheit war in Deutschland wohl das akuteste Problem. Nach Angaben der UNRRA wurde 1946-47 die durchschnittliche Kilokalorienzufuhr pro Tag auf 1.080 Kcal geschätzt, eine für die langfristige Gesundheit absolut unzureichende Menge. Andere Quellen besagen, dass die Kilokalorienzufuhr in diesen Jahren nur zwischen 1.000 und 1.500 kcal schwankte. William L. Clayton berichtete in Washington, dass „Millionen von Menschen langsam verhungern“.

Proteste gegen die alliierte Besatzungspolitik
Bild: Wikipedia

1946 ernannte Präsident Truman William L. Clayton zum ersten Unterstaatssekretär für wirtschaftliche Angelegenheiten. Der neue Mann drängte auf ein stärkeres Engagement der USA in der Welt, um die Ausbreitung des Kommunismus zu stoppen. In einem Memo vom 5. März schrieb Clayton ein Fünfzehn-Punkte-Memorandum, in dem er die USA zu globaler Führung auffordert: „Die Zügel werden entweder von den Vereinigten Staaten oder von Russland übernommen werden. Wenn es von Russland kommt, wird es mit ziemlicher Sicherheit im nächsten Jahrzehnt so oder so zu einem Krieg kommen und die Chancen stehen gegen uns. Wenn es von den Vereinigten Staaten kommt, kann ein Krieg mit ziemlicher Sicherheit verhindert werden“.

william-l-clayton - Library
William L. Clayton Erster: Unterstaatssekretär für wirtschaftliche Angelegenheiten
Bild: Wikipedia

So wusste Clayton, warum er nachdrücklich die amerikanische Wirtschaftshilfe für den Wiederaufbau Europas forderte. Insgesamt spielte er 1947 eine wichtige Rolle bei der Gestaltung des Marshall-Plans. Nach seiner Rückkehr von einem GATT-Treffen in Genf, im Mai, schrieb Clayton ein Memo an George Marshall mit dem Titel „Die europäische Krise“, in dem er argumentierte, dass die amerikanische Wirtschaftshilfe dringend notwendig sei, um den Zusammenbruch Europas zu verhindern.

Brandenburger Tor
Bild: Bundesregierung

Es brauchte seine Zeit, bis die US Politik gegenüber Deutschland der veränderten politischen Großwetterlage Rechnung trug und der Hass dem Pragmatismus wich. Zwischen 1945 und 1947 hatte es durchaus Angebote aus westeuropäischen Nachbarländern Deutschlands gegeben, dringend benötigte Kohle und Stahl aus dem Ruhrgebiet gegen Nahrungsmittel einzutauschen. Doch weder die Italiener noch die Niederländer durften das Gemüse, das sie früher nach Deutschland exportiert hatten, in das Nachkriegsdeutschland liefern, dies mit der Konsequenz, dass die Niederländer erhebliche Anteile ihrer Ernte vernichten mussten. Dänemark bot 150 Tonnen Schmalz pro Monat an. Norwegen war bereit, Fisch und Fischöl zu liefern und auch Schweden war bereit, beträchtliche Mengen an Fetten nach Deutschland zu liefern. Doch die Alliierten erlaubten den Deutschen keinerlei Handel.

Im Jahr 1946 hatte der US-Kongress GARIOA-Mittel nur bewilligt, um Krankheiten und Unruhen zu verhindern, die die Besatzungstruppen im besetzten Deutschland gefährden würden. (Die Government Aid and Relief in Occupied Areas, GARIOA) war seit 1946 ein US-Hilfeprogramm nach dem Zweiten Weltkrieg für die besetzten Länder Japan, Österreich und die von den Alliierten besetzten Zonen in Deutschland. Deutschland erhielt GARIOA-Hilfe zwischen Juli 1946 und März 1950. Der Kongress legte fest, dass die Gelder nur für die Einfuhr von Nahrungsmitteln, Erdöl und Düngemitteln verwendet werden durften. Die Verwendung von GARIOA-Geldern zur Einfuhr von Rohstoffen, die für die deutsche Industrie von entscheidender Bedeutung gewesen wären, unterlag einem ausdrücklichen Alliierten Verbot. Insgesamt wurden an die 1,5 Milliarden Dollar für die Versorgung der Bevölkerung von den Alliierten aufgewendet (die den Deutschen allerdings in Rechnung gestellt wurden). Dennoch, die deutschen Lebensmittelrationen blieben nach wie vor weit unter den erforderlichen Mindestnahrungsmengen zurück.

Ein besonderes Kapitel ist die totale wirtschaftliche Ausbeutung des Know-Hows in Wissenschaft und Industrie im besiegten Deutschland. Hinlänglich bekannt ist etwa Werner von Braun und das deutsche Raketenprogramm, das die Amerikaner inklusive Personal in die USA verbrachten. Spektakulär war auch die Deutsche Entwicklung im Flugzeugbau, insbesondere die von Strahltriebwerken angetriebenen Jagdflugzeugen, die bereits Einsatzreife erlangt hatten.

Erstes voll einsatzfähiges Flugzeug mit Strahltriebwerk
Messerschmitt ME 262
(Bild: Messerschmitt Stiftung)

Auch die Sowjets und Briten standen den Amerikanern bei ihren Beutezügen in nichts nach. Was kaum jemand weiß, unter dem Namen „Paperclip“ fand nach dem Krieg ein umfassender Transfer an deutschem Know-How statt, der beschönigend als „geistige Wiedergutmachung“ bezeichnet wurde. Im Rahmen dieser Wiedergutmachungsaktion beschlagnahmten die Alliierten große Mengen an deutschen Patenten und Urheberrechten aber auch eingetragene Marken.

Tonbandgerät AEG Telefunken 1942

Das Programm „Paperclip“ hatte bereits Ende 1944 zunächst mit dem Ziel begonnen, das deutsche wissenschaftliche und technische Know-How zu nutzen, um den Krieg mit Japan zu verkürzen. Während die alliierten Armeen in Westdeutschland vordrangen, wurden Teams dutzender amerikanischer Experten aus Regierungsstellen, Industrie- und Handelsverbänden und Universitäten aus den USA eingeflogen. Sie filzten Hunderte von deutschen Forschungseinrichtungen, technische Schulen und Industrieunternehmen, befragten Personal, untersuchten Verfahren und Produkte, machten Fotos und Proben und forderten Zeichnungen, Pläne, Blaupausen, Forschungsberichte und Dokumente aller Art an.

Deutscher Lastenhubschrauber Focke Wulf – Focke-Achgelis Fa 61
Bild: Wikipedia

Freilich begnügten sich die Sieger nicht mit kriegsbedingten Entwicklungen. Sie erlagen der Verlockung, eine wehrlose und am Boden liegende und einst führende Industrienation ihrer besten Errungenschaften zu berauben. Es begann eine materielle und geistige Plünderung, die in der Geschichte ihresgleichen sucht. Deutsches Fachwissen über Windkanäle, Tonbandgeräte, synthetische Kraftstoffe und Gummi, Farbfilm, Textilien, Werkzeugmaschinen, schweres Gerät, Keramik, optisches Glas, Farbstoffe Computertechnologie, Elektronenmikroskope und vieles mehr, wurde beschlagnahmt. Nach den Worten von Außenminister George C. Marshall, sollten die gesammelten Informationen angeblich „der übrigen Welt zugänglich“ gemacht werden. In Wahrheit jedoch bedienten sich die Alliierten der deutschen Technologien und Erkenntnisse ganz allein und gaben diese direkt an ihre eigenen Institutionen und Firmen weiter. Die Geschichte dieser Aktion ist nie aufgearbeitet worden. Erst die akribischen Recherchen des Zeitgeschichtlers John Gimbel von der Humboldt State University und ehemaliger Angehöriger der OMGUS Marburg, hat mit seiner über zehn Jahre langen Forschungsarbeit in deutschen, amerikanischen, öffentlichen und privaten Archiven, das Ausmaß des alliierten Raubzugs offengelegt. Aus diesen Recherchen entstand sein Buch: „Technology and Reparations: Exploitations and Plunder in Postwar Germany“.

Modell Z3 Erster Digitaltrechner weltweit, Baujahr 1941 von Konrad Zuse und Helmut Schreyer
Mit binärer Gleitkommatechnik, Ein- und Ausgabegerät, Benutzerinteraktion während des Rechenvorgangs, Mikroprogranne, Pipelining von Instruktionsfolgen, Numerische Sonderwerte, mögliche Parallelausführung von Operationen. Unter Umständen auch touringmächtig.
Das Modell bewährte sich für Berechnungen im Flugzeugbau.
Ein Nachbau der Fa. Zuse steht im Deutschen Museum München.

Auf dem Moskauer Außenministerratstreffen 1947 warf W. M. Molotow, Außenminister der Sowjetunion, den Vereinigten Staaten und Großbritannien vor, sie hätten von Deutschland Reparationen in Form von Patenten und anderen technischen Unterlagen im Wert von sage und schreibe 10 Milliarden Dollar erbeutet. In dem Zusammenhang erklärte 1947 der Direktor des Büros für technische Dienste des US-Handelsministeriums vor dem Kongress: „Die grundlegende Rechtfertigung unserer Aktivitäten ist die Tatsache, dass wir den Krieg gewonnen haben und nicht die Deutschen. Hätten die Deutschen den Krieg gewonnen, wären sie hier in Schenectady, Chicago, Detroit und Pittsburgh und würden genau das gleiche tun, wie wir.“

In einem deutschen Bericht vom 1. Mai 1949 heißt es, dass viele Unternehmer es vorzögen, keine Forschung nach den geltenden Vorschriften (Gesetz Nr. 25 des Alliierten Kontrollrats) zu betreiben, aus Angst, dass ihre Forschungsergebnisse wohlmöglich ihren Konkurrenten direkt zugute kommen könnten. Das Gesetz Nr. 25 verlangte nämlich eine detaillierte Berichterstattung der Deutschen an die Alliierten über sämtliche neuen deutschen Forschungsergebnisse. Später fanden diesbezügliche Vorschriften Eingang in der Alliierten Vorbehaltsrechten gegenüber der Bundesrepublik Deutschland, die angeblich mit dem Zwei-plus-Vier-Vertrag obsolet geworden sind. Es ist allerdings davon auszugehen, dass die ehemaligen Alliierten auch heute noch vorbehalten, deutsche Technologien, insbesondere Schlüsselindustrien, wie Flugzeugbau und Wehrtechnik, wenn auch sehr diskret und als Gemeinschaftsprojekte kaschiert, genauer unter die Lupe zu nehmen.

Erst General Lucius D. Clay, bzw. der amerikanischen Militärregierung, gelang es, das Programm „Paperclip“ im Interesse des deutschen Wirtschaftsaufschwungs bis zu einem gewissen Grade zu beenden. Clay scheiterte allerdings mit seinen Bemühungen, wenigstens eine monetäre Bewertung des Wissenschafts- und Technologie-Transfers zu erwirken, um zugunsten Deutschlands eine Gutschrift auf das Reparationskonto zu erwirken. Das Verwertungsprogramm wirkte sich jedenfalls negativ auf die Wiederaufnahme der deutschen Nachkriegsforschung und die wirtschaftliche Erholung aus. Langfristig förderte das amerikanische Verwertungsprogramm dann doch ein ausgedehntes Netzwerk der amerikanisch-deutschen Zusammenarbeit in Wissenschaft, Wirtschaft und Industrie und das trug zu dem positiven amerikanischen Meinungsklima bei, das endlich dazu führte, auch Westdeutschland mit in den Marshallplan einzubeziehen.

Epilog:

Auf der Potsdamer Konferenz wurde von den siegreichen Alliierten gut 25% des deutschen Staatsgebietes ohne jede rechtliche Grundlage zugunsten Polens und der Sowjetunion abgetrennt und die deutsche Bevölkerung in diesem Gebiet wurde ebenso, wie die Sudetendeutschen, aus ihrer angestammten Heimat vertrieben. Dabei kamen etwa 1,5 bis 2 Millionen Menschen ums Leben. Das war nach dem Dreißigjährigen Krieg und dem Ersten Weltkrieg die dritte große Landnahme angestammten deutschen Territoriums.

Alliierte Karte: Beantragte Abtretung, geplante Abtretung, vorgeschlagene Abtretung
Bild: Wikimedia

Wie in Potsdam unter den Alliierten ausgemacht, wurde tatsächlich versucht, Deutschland in ein Agrarland umzuwandeln, in dem nur Leichtindustrie erlaubt sein sollte. Zahlreiche Industrieanlagen waren demontiert worden oder einfach zerstört und Millionen deutscher Kriegsgefangener wurden mehrere Jahre als Zwangsarbeiter eingesetzt, sowohl von den Westalliierten als auch von der Sowjetunion.

Ausschnittvergrößerung der Alliierten Planung für die Abtretung der deutschen Ostgebiete.
Bild: Wikimedia

Ab Mitte 1947 hatte seit Beginn des Kalten Krieges ein Umdenken gegenüber Deutschland begonnen, da die neue westdeutsche Republik auf der einen Seite und die Deutsche Demokratische Republik auf der anderen Seite als mögliche Verbündete der jeweiligen Seite eine wichtige Rolle zukam. Zudem setzte sich die Erkenntnis durch, dass die wirtschaftliche Gesundung Europas von der Leistungsfähigkeit der deutschen Industrie bestimmt war. Mit der Abschaffung der US-Besatzungsrichtlinie JCS 1067 im Juli 1947, die noch die deutliche Handschrift Henry Morgenthaus getragen hatte, war der Weg frei für die Neuordnung der finanziellen Basis Westdeutschlands. Die einseitige Währungsreform der Westmächte im Jahr 1949 führte allerdings zur Spaltung Deutschlands und zur Errichtung eines zweiten deutschen Staates im Einflussbereich der Sowjetunion.

Ab 1947 wurde der Marshallplan, zunächst als „Europäisches Wiederaufbauprogramm“ ohne Deutschland initiiert. In den Jahren 1947 – 1952 wurden Westeuropa etwa 13 Milliarden Dollar an wirtschaftlicher und technischer Hilfe zugewiesen. Das entspricht, umgerechnet etwa 140 Milliarden Dollar im Jahr 2020. Trotz Protesten, vor allem aus Frankreich, wurde der Marshallplan, wenn auch in weniger großzügiger Form, ab 1949, auch auf die neu entstandene Bundesrepublik Deutschland ausgedehnt. In den Jahren 1949 – 1952 erhielt Westdeutschland rückzuzahlende Kredite in Höhe von insgesamt 1,45 Milliarden Dollar, was 2020 etwa 14,5 Milliarden Dollar entspricht.

In der Folge verbesserten sich in Westdeutschland die Lebensbedingungen und mit dem Export einheimischer Produkte kam es zum Rückgang der Arbeitslosigkeit, einer effizienteren Nahrungsmittelproduktion und dem Verschwinden des Schwarzmarkthandels.

Deutsche Zuverlässigkeit: Weltexportschlager VW Käfer
Bild: Wikipedia

1950 sahen sich auch Großbritannien und Frankreich veranlasst, dem Beispiel der USA zu folgen und die Demontage der deutschen Schwerindustrie einzustellen. Es kam zu einem wirtschaftlichen Aufschwung Westdeutschlands unter einer neu gebildeten demokratischen Regierung, sozusagen an der langen Leine der Westalliierten. Mitte der 1950er Jahre war die Arbeitslosenquote in Deutschland bereits so niedrig, dass die ersten Gastarbeiter aus Süditalien nach Deutschland kamen.

Nachkriegssensation Mercedes 300 SL Flügeltürer von 1954
Werkfoto

Wirtschaftlich gesehen stieg die Bundesrepublik Deutschland zu einer Industriemacht von Weltgeltung auf und auch die DDR, der zweite Deutsche Staat, war unter den gegebenen Umständen im Ostblock, wirtschaftlich führend. Allerdings, politisch gesehen, blieben beide deutsche Staaten sozusagen Zwerge.

Der Mauerfall 9. November 1989
Bild: Wikipedia

Daran änderte sich auch nach der Vereinigung von Ost- und Westdeutschland nur wenig. Die Vereinigung Deutschlands war nur durch den Zusammenbruch der Sowjetunion möglich geworden oder anders gesagt: Das Ende der Sowjetunion setzte die Westalliierten unter Zugzwang. In den 2 plus 4 Verträgen, die nach Meinung von Staatsrechtlern einen Friedensvertrag obsolet machten, war immerhin festgelegt, dass die Bundesrepublik Deutschland von jeglichen Reparationskosten freigestellt war.

Die deutsche Realpolitik seit 1990 muss allerdings ernüchternd betrachtet werden. Fast möchte man meinen, der Ungeist Henry Morgethaus schwebe noch über Deutschland. Die Bundesrepublik wurde zum größten Nettozahler in der EU und hat wesentliche Souveränitäsrechte, im Gegensatz zu allen anderen EU Mitgliedern, abgetreten. Derzeit steht sogar die deutsche Finanzhoheit zur Disposition. Fast unmerklich hat sich seit 1990 vieles für Gesamtdeutschland verändert. Hier nur einige signifikante Maßnahmen: Die Deutsche Flugzeugindustrie ist zwischenzeitlich in den internationalen Strukturen der Airbus Group aufgegangen. Der Grossteil der Bundesdeutschen Rüstungsindustrie, wie beispielsweise die Panzerentwicklung, ist in internationalen Konzernen aufgegangen. 2010 wurde in Deutschland die allgemeine Wehrpflicht abgeschafft. Die Deutsche Ostpolitik des Ausgleichs ist einer zum Teil aggressiven Haltung gegenüber Russland gewichen und nimmt durch Truppenverlegungen innerhalb der NATO, bis hart an die Russische Grenze, in gewisser Weise bedrohliche Ausmaße an.

Mitten durch Deutschland: Aufmarschgebiet BRD, US-Panzer rollen gegen die Russische Grenze vor
Bild: Bundeswehr

Die Bundesrepublik Deutschland betreibt eine dilettantische geostrategische Politik, mit dem Segen der USA und unter dem Dach der EU. Das, sozusagen im Vorhof Russlands. Russland, das im Zweiten Weltkrieg furchtbare Verluste hinnehmen musste, liegt erneut im Visier einer deutschen Armee. Diesmal ist es eine Auxiliarstreitmacht globaler US-amerikanischer Interessen. Innenpolitisch ist Deutschland zerrissen und gefährdet durch überzogene linksökologische Maßnahmen den Industriestandort Deutschland, insbesondere den der Autoindustrie. Besonders problematisch ist die Zerstörung der bisherigen kreativen Vielfalt und Meinungsfreiheit sowie die zunehmende politische Zerrissenheit und Radikalisierung in Richtung einer linken Öko-faschistoiden Republik. Von außen gesteuerte Vereinigungen, wie die Antifa, die Antonio Amadeo-Stiftung, das Zentrum für Politische Schönheit, sowie zahllose weitere, meist sogar staatlich und vom Ausland finanzierte Institutionen, beschleunigen systematisch den Werteverfall bzw. die politische Destabilisierung Deutschlands. Der ehemals treue Partner der USA, die Bundesrepublik Deutschland, ist einerseits Aufmarschgebiet gegen Russland, andererseits geht die linksökologische Republik zu ihrem Partner auf Distanz und tendiert zu einem linken Antiamerikanismus. Damit sitzt Deutschland wieder einmal zwischen allen Stühlen. Russland verprellt, die USA im Stich gelassen, eine die Nachbarn bedrängende Europapolitik und ein rapider bildungspolitischer und wirtschaftlicher Leistungsverfall. Dazu ungezügelte Zuwanderung aus aller Herren Länder im Verbund mit einem abstrusen ökologischen Weltbild. All das gibt der einst so hoffnungsvollen Bundesrepublik Deutschland den Rest. „Finis Germaniae“.


Zum ersten und zweiten Teil


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.